Die Geschichte des berühmtesten Sessels der Welt beginnt nicht in einem Wohnzimmer. Sie beginnt auf einem Schlachtfeld.
1942 beauftragte die US Navy ein Ehepaar aus Kalifornien mit einer Aufgabe, die mit Möbeln nichts zu tun hatte: Verwundete starben oder verloren Gliedmaßen, weil sie nicht schnell genug transportiert werden konnten. Die damals üblichen Beinschienen aus Metall machten es oft schlimmer – ihre Vibrationen während des Transports verschlimmerten die Verletzungen.
Charles und Ray Eames entwickelten eine Alternative aus formverleimtem Sperrholz. Leicht, stabil, mit Schlitzen, durch die medizinisches Personal Stoffbänder ziehen konnte. Die Form nahm Charles von seinem eigenen Bein ab. Rund 150.000 Stück wurden im Krieg gefertigt, jedes gestempelt mit „Eames Process".
Was dabei wirklich entstand
Die Schiene war ein Produkt. Das eigentliche Ergebnis war ein Verfahren.
Sperrholz in zwei Richtungen gleichzeitig zu biegen, ohne dass es reißt, galt bis dahin als kaum beherrschbar. Die Eames' hatten es in ihrer Wohnung mit einer selbstgebauten Pressform begonnen und unter dem Druck eines Militärauftrags zur Serienreife gebracht. Was als medizinisches Hilfsmittel entstand, war die technische Grundlage für alles, was danach kam.
Der erste Sperrholzsessel folgte bereits 1945. Der berühmte kam elf Jahre später.
Der Auftrag kam von einem Regisseur
In den vierziger Jahren freundeten sich die Eames' in Los Angeles mit Billy Wilder an – dem Regisseur von Sunset Boulevard und Manche mögen's heiß. Wilder sammelte moderne Kunst und Design, und er hatte eine sehr konkrete Vorstellung davon, was ihm fehlte.
Er wollte einen Sessel mit der Eleganz eines englischen Clubsessels, aber mit der – so seine Formulierung – „warmen, einladenden Anmutung eines gut eingelaufenen Baseballhandschuhs".
Das ist eine bemerkenswerte Anforderung, weil sie zwei Dinge verlangt, die sich normalerweise ausschließen: Repräsentation und Gebrauchsspuren. Ein Clubsessel soll beeindrucken. Ein eingelaufener Handschuh beeindruckt niemanden – er zeigt nur, dass jemand ihn benutzt hat.
1956 bekam Wilder einen der ersten Sessel zum 50. Geburtstag.
Warum er aussieht, wie er aussieht
Drei gebogene Schalen, je aus fünf Lagen Sperrholz. Lederkissen, die mit Reißverschluss und verdeckten Clips befestigt sind – kein sichtbarer Nagel, keine Schraube. Ein Fuß aus Aluminiumdruckguss, der so schmal ausfällt, dass die Schalen zu schweben scheinen.
Jedes dieser Details ist eine Konsequenz aus dem Verfahren, nicht aus einer Formidee. Die Schalen sind gebogen, weil Sperrholz sich so biegen lässt. Die Kissen sind abnehmbar, weil sie sonst die Schale verdecken würden. Der Fuß ist schmal, weil er nichts tragen muss, was nicht trägt.
Es ist der Unterschied zwischen einem Sessel, der konstruiert wurde, und einem, der gestaltet wurde. Beim Eames Lounge Chair fällt beides zusammen – deshalb altert er so gut.
Und der Preis?
Hier wird es für Käufer interessant. Der Sessel kostet beim Hersteller mehrere Tausend Euro, und es gibt kaum ein Möbelstück, das häufiger kopiert wird.
Die ehrliche Antwort: Ein erheblicher Teil des Preises ist nachvollziehbar. Die Schalenverleimung, die Lederqualität, der massive statt hohle Aluminiumfuß, die Servicefähigkeit über Jahrzehnte – das sind reale Unterschiede, die man bei Nachbauten nach einigen Jahren Nutzung bemerkt, nicht im Showroom.
Die ebenso ehrliche Einschränkung: Der Sessel ist kein Allrounder. Das Sitzgefühl ist fest, nicht weich, und er braucht mehr Raum, als die kompakte Silhouette auf Fotos vermuten lässt. Probesitzen ist hier keine Empfehlung, sondern Voraussetzung.
Zwei verbreitete Annahmen stimmen allerdings nicht mehr. Erstens die Größe: Weil die Durchschnittsgröße seit 1956 um fast zehn Zentimeter gestiegen ist, gibt es den Sessel inzwischen auch in größeren Proportionen – wer mit der ursprünglichen Version nie zurechtkam, sollte die zweite Variante probieren, bevor er den Sessel abschreibt. Zweitens das Material: Leder ist die bekannteste, aber nicht die einzige Option. Bezüge aus Bouclé und Cord verändern den Charakter deutlich – weg vom repräsentativen Clubsessel, hin zu etwas Wohnlicherem. Was, wenn man an Billy Wilders Baseballhandschuh denkt, der ursprünglichen Idee sogar näherkommt.
Was bleibt
Der bekannteste Sessel des 20. Jahrhunderts entstand nicht aus dem Wunsch, einen schönen Sessel zu bauen. Er entstand aus einem Verfahren, das für etwas ganz anderes entwickelt wurde, und aus der Vorgabe eines Regisseurs, der einen Baseballhandschuh im Kopf hatte.
Das ist, am Ende, die interessanteste Lehre daran: Gutes Design beginnt selten mit der Frage, wie etwas aussehen soll. Es beginnt mit der Frage, was es können muss. Die Form ist das, was übrig bleibt, wenn man diese Frage ehrlich beantwortet.
Mehr als ein schönes Objekt
Welche Designklassiker ihren Preis tatsächlich rechtfertigen – und bei welchen ich genauer hinsehen würde – analysiere ich ausführlich im MATTLISE Möbel-Guide.
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