PH5: Warum die berühmteste Lampe Dänemarks ihre Glühbirne versteckt

PH5: Warum die berühmteste Lampe Dänemarks ihre Glühbirne versteckt

Im Oktober verändert sich etwas in Wohnungen. Das Licht kommt nicht mehr durchs Fenster, es kommt von der Decke. Und plötzlich merkt man, welche Lampe man vor Jahren eher nebenbei gekauft hat. Ob sie blendet. Ob der Tisch darunter warm aussieht oder wie ein Wartezimmer.

Es gibt eine Lampe, die genau für diesen Moment entworfen wurde. Man erkennt sie an ihren gestaffelten, geschwungenen Schirmen, die wie aufeinandergestapelte Schalen über dem Esstisch hängen. Und man erkennt sie daran, dass man etwas nicht sieht: die Glühbirne.

Ein Kritiker, der Licht baute

Poul Henningsen, 1894 in der Nähe von Kopenhagen geboren, war kein stiller Gestalter. Er schrieb, polemisierte, gab Ende der 1920er-Jahre eine streitbare Kulturzeitschrift heraus und legte sich mit allem an, was ihm bürgerlich und bequem erschien.

Und er hatte ein Thema, das ihn sein Leben lang nicht losließ: das elektrische Licht. Als Kind war er mit dem weichen Schein von Petroleumlampen aufgewachsen. Die neuen Glühbirnen fand er grell, nackt, unangenehm. Sie machten Räume hell – aber nicht schön.

Von ihm stammt ein Satz, der sich sinngemäß so übersetzen lässt: Die richtige Beleuchtung eines Raumes erfordert kein Geld, sondern Einsicht.

Man sollte sich diesen Satz merken. Er wird am Ende dieses Textes noch einmal wichtig.

Drei Schirme

1925 zeigte Henningsen in Paris eine Leuchte, die aus mehreren übereinander angeordneten Schirmen bestand. Daraus entwickelte er gemeinsam mit dem dänischen Hersteller Louis Poulsen ein Prinzip, das er über Jahrzehnte verfeinerte: Schirme, deren Form und Abstand so berechnet sind, dass das Licht der Birne nie direkt ins Auge fällt. Es wird gelenkt, gebrochen, zurückgeworfen – und kommt weich im Raum an.

Das klingt nach Technik, und es ist Technik. Aber das Ergebnis spürt man, ohne es erklären zu können: Man sitzt unter dieser Lampe und kneift die Augen nicht zusammen.

1958: Die Fünf

Die PH5 kam 1958 auf den Markt. Ihr Name ist schlichter, als man denkt: PH für Poul Henningsen, die 5 für den größten Schirm, der rund 50 Zentimeter misst.

Ihr Prinzip ist radikal einfach. Die Schirme sind so angeordnet, dass die Lichtquelle von keiner Position im Raum aus sichtbar ist. Wer am Tisch sitzt, sieht keine Birne. Er sieht nur Licht.

Und dann ist da noch ein Detail aus der ursprünglichen Konstruktion: rote und blaue Schirme im Inneren. Henningsen setzte sie ein, um die Farbwirkung des Lichts zu verbessern. Bei späteren Ausführungen entfielen sie, weil moderne Lichtquellen Farben besser wiedergeben. Gerade dieses Detail zeigt, wie weit seine Arbeit ging: bis zu den Flächen, die man von außen kaum wahrnimmt.

Eine Ikone, die verschwinden will

Darin liegt das eigentlich Seltsame an dieser Lampe. Sie ist eines der bekanntesten Designobjekte Skandinaviens, in Dänemark hängt sie gefühlt in jedem zweiten Haushalt. Und trotzdem besteht ihre ganze Aufgabe darin, sich selbst unsichtbar zu machen. Nicht die Lampe soll gesehen werden, sondern der Tisch, die Menschen, das Essen.

Eine Ikone, die nicht angeschaut werden will. Das gibt es selten.

Die Frage, die bleibt

Die richtige Beleuchtung erfordert kein Geld, sondern Einsicht. Es ist eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet dieser Satz von dem Mann stammt, dessen Lampe heute nicht gerade zu den günstigen gehört.

Also: Was bezahlt man eigentlich, wenn man eine PH5 kauft? Das Licht? Die Geschichte? Den Namen über dem Esstisch? Und warum gibt es so viele Lampen, die ihr ähnlich sehen – aber nicht so leuchten?

Das ist keine Geschmacksfrage. Man kann sie beantworten.

Wir haben es getan – für Louis Poulsen und sieben weitere Marken des Möbeldesigns. Im MATTLISE Möbel-Guide.