USM Haller: Was kauft man eigentlich, wenn man ein Stahlregal kauft?

USM Haller: Was kauft man eigentlich, wenn man ein Stahlregal kauft?

Es gibt Möbel, die man sofort erkennt, ohne je ihren Namen gehört zu haben. Man betritt ein Büro, eine Praxis, eine Wohnung in einem sanierten Altbau – und da steht es: ein niedriges Sideboard aus verchromten Rohren, glatten Metallflächen, kleinen glänzenden Kugeln an jeder Ecke. Vielleicht in Weiß. Vielleicht in einem Grün, das man selbst nie gewählt hätte, das hier aber richtig aussieht.

Und irgendwann stellt man sich die Frage, die sich fast jeder stellt, der zum ersten Mal den Preis sieht: Wofür eigentlich?

Ein Möbel, das nie verkauft werden sollte

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Möbel, sondern mit einer Fabrik. Anfang der 1960er-Jahre wollte Paul Schärer, Enkel des Gründers der Schweizer Metallwerkstatt USM in Münsingen, das Familienunternehmen neu ausrichten. Er beauftragte den Architekten Fritz Haller mit einem neuen Firmengebäude – modular gebaut, aus Stahl, jederzeit erweiterbar.

Das Möbelsystem entstand 1963 als logische Fortsetzung: Die Büros sollten so eingerichtet sein, wie das Gebäude gedacht war. Klar, reduziert, veränderbar. Verkaufen wollte es zunächst niemand. Es war für den Eigengebrauch gedacht.

Dann kam eine Bestellung aus Paris. Die Bank Rothschild wollte ein ganzes Bürogebäude damit einrichten – rund 600 Arbeitsplätze. 1969 begann die Serienproduktion. Aus einer Büroausstattung wurde ein Produkt.

Die Kugel

Wer verstehen will, warum USM Haller so aussieht, wie es aussieht, muss sich die kleinste Komponente ansehen: die verchromte Kugel. Sie verbindet die Rohre in alle Richtungen, sie ist das eigentliche Herzstück des Systems – und sie wurde 1965 patentiert.

Alles andere folgt aus ihr. Rohre, Kugel, Blech. Mehr braucht es nicht. Ein Sideboard lässt sich in ein Regal verwandeln, ein Regal in einen Raumteiler, ein Raumteiler zurück in ein Sideboard. Das Möbel hat keine endgültige Form. Es hat nur einen Zustand.

Das ist, genau betrachtet, eine ziemlich radikale Idee. Die meisten Möbel sind fertig, wenn sie geliefert werden. Dieses hier ist es nie.

Kunst oder Büromöbel?

Man kann darüber streiten, ob ein Regal ein Kunstwerk sein kann. Ein deutsches Gericht hat es 1988 entschieden: Das Oberlandesgericht Frankfurt erkannte das USM-Haller-System ausdrücklich als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst an. Seit 2001 gehört es zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es ein seltsames Statussymbol. Es glänzt nicht mit Logos. Es erzählt nichts von Reichtum. Es sagt eher: Ich habe mich für etwas entschieden, das bleibt.

Die Frage, die bleibt

Museum, Gerichtsurteil, sechzig Jahre Designgeschichte – das alles erklärt, warum USM Haller berühmt ist. Es erklärt nicht, ob es sein Geld wert ist. Das sind zwei verschiedene Fragen, und sie werden erstaunlich oft verwechselt.

Denn wer vor einem Sideboard steht, kauft keine Geschichte. Er kauft Material, Verarbeitung, einen Namen – und irgendwo dazwischen eine Idee. Wie viel vom Preis ist was? Und für wen geht die Rechnung auf – und für wen nicht?

Das ist keine Geschmacksfrage. Man kann sie beantworten.

Wir haben es getan – für USM Haller und vier weitere Ikonen des Möbeldesigns. Im MATTLISE Möbel-Guide.